Hess. Landeskriminalamt Abt. Hess. V 3 Alfeld/Leine, 19. 5. 69
V e r n e h m u n_g
Vorgeladen erscheint bei der Polizeistation in Alfeld/Leine die verw. Hausfrau
B u c h h o 1 z geb. Maier, Marie, .
geb. 6.5.1901 in Grünbach, Krs. Brzeziny, wohnh. 3220 Alfeld/Leine, Winsenburger Str. 61,
und erklärt, zur Wahrheit ermahnt:
Mir wurde eröffnet, daß ich in der gerichtlichen Voruntersuchung sache gegen Karl G r ö ß e r u. a. als Zeugin vernommen werden soll. Ich bin belehrt worden, daß ich auf Fragen, durch deren wahrheitsgemäße Beantwortung ich mich selbst oder einen nahen Angehörigen belasten würde, die Auskunft verweigern kann. Mit den Angeschuldigten bin ich nicht verwandt oder verschwägert.
Zur Sache:
Ich habe zu Beginn der Vernehmung in einem langen Gespräch mein schweres Schicksal erzählt.
Ich bin in Grünbach aufgewachsen und habe 8 Klassen die Volksschule besucht. 1920 habe ich Wilhelm Buchholz, geb. 16.1.1890, geheiratet. Gleich nach der Eheschließung zog ich mit meinem Mann in sein Haus in Alt-Eelicjanow. Wir wohnten im Haus Nr. 6, eine Straßenbezeichnung gab es nicht. Später kauften wir eine weitere Landwirtschaft dazu. Dies war das Haus Nr. 10.
Mein Mann hat ununterbrochen seine Landwirtschaft bearbeitet. Er hatte zwei Brüder, die blind waren. Deren wandwirtsenaft mußte er auch noch mit bewirtschaften.
An die Unruhen im Mai 1959 erinnere ich mich. In Felicjonow kamen keine Deutschen ums Leben. Wir hatten mit Polen ein gutes Verhältnis, weshalb sie unser Anwesen mit bewachten. Uns wurden nur die Scheiben und die Türen eingeworfen.
1910 wurde dec Selbstschutz gebildet. Dieser Formation gehörte mein Mann nicht an. Später mußte er aber in die SA gehen.
Mein kann war bei der Absperrung des Gettos, als die Juden ausgesiedelt wurden, nicht mit eingesetzt, ar war jedoch mehrmals mit eingeteilt, als Polen festgenommen werden mußten, die nach Deutschland zur Arbeit sollten. Mein Mann hat diese Tätigkeit aber nicht gern gemacht und sich immer gedrückt. Dies weiß ich aus vielen Gesprachen mit ihm.
In Alt-Felicjanow lebten keine Juden. Die Bevölkerung war zu Hälfte polnisch und zur Hälfte deutsch. In Koluszki lebten Juden Mit diesen Juden hatten wir ein gutes Verhältnis. Im Frühjahr 1941 wurde mein Mann Bürgermeister in Dlugie.
Er wollte dieses Amt nicht übernehmen, mußte es ober, weil die jüngeren Männer eingezogen worden waren und ein deutscher Bürgermeister sein sollte. Er übte diese Tätigkeit aus bis Januar 1945.
Zunächst versuchten wir zu flüchten, kehrten dann aber wieder um, weil, wir uns nichts vorzuwerfen hatten. Mein Mann versteckte sich zwei Wochen. Dann wurde er von den Polen an einem Sonntag festgenommen. Er mußte bei Polen arbeiten und auf der Polizeidienststelle schlafen. Dienstags wurde er zusammen mit Baum und T i e r l i n g abtransportiert, angeblich nach Brzeziny zum Verhör. Die drei Männer wurden im Wald hinter der Gemeinde erschossen. Mein Mann hatte einen Kopfschuß, ihm fehlten zwei Zähne und die Kleidung war an der Brust aufgerissen. Baum und Tierling waren fast nackt ausgezogon. Von Baum war kein hopf mehr vorhanden. Dieser war völlig zerschlagen. Bei Tierling fohlte ein Viertel dos Kopfes.
Der Grund für die Tötungen Kann nur folgender gewesen sein: Baum hatte den Getränkehandel des Juden E h r l i c h übernommen. Tierling war für die Zuweisung von Wohnungen für die Deutschen zuständig und hat in dieser Funktion natürlich den Polen Wohnungen wegnehmen müssen. Mein Hann hat den Polen nach meiner Überzeugung nichts Böses angetan. Er wurde mit erschossen, weil er Bürgermeister war und sich - im weitesten Sinne gesehen - an der Festnahme von Polen beteiligte, die nach Deutschland zur Arbeit mußten. Ich habe jetzt andeutungsweise erzählt, wie sich mein Hann für die Polen eingesetzt hat. Es führt jedoch zu nicht diesegalles aufzuschreiben.
Ich wurde nach dem Kriege von Polen körperlich schwer mißhandelt. Im Jahre 1946 wurde ich festgenommen, kam nach Skierniewice, wo ich unter Anklage gestellt wurde, ich hätte Polen verraten. Dann wurde ich nach Warschau ins Gefängnis gebracht, wo ich unter sehr schlimmen Bedingungen verhört wurde. Von Warschau aus kam ich ins Lager nach Schikawa. Dort wurden wir zur Arbeit eingesetzt. Von dort aus kam ich in eine Fabrik, wo ich für die Polen arbeiten mußte. Ich hatte einen Unfall und verol den rechten Unterarm. Ich wurde wegen dieses Unfalles mit drei Jahren Gefängnis bestraft. Ich hätte die Hand von mir aus in die Maschine gesteckt.
Ich berichtige meine Aussage dahingehend, daß ich bereits 1945 festgenommen wurde. Im Mai 1947 bin ich aus Polen geflohen.
Meine Familienangehörigen waren in verschiedenen Lagern und mußt noch mehrere Jahre für die Polen arbeiten.
An das Getto in Koluszki erinnere ich mich. Es war die Gegend um den Marktplatz eingerichtet. Es, ist richtig, das wir ein Grundstück hatten, das bin an das Getto ging. Der Gesundheitszustand und die Ernährungslage der Juden war schlecht. Juden, die Geld hatten, konnten sich zusätzlich Nahrungsmittel Kaufen. Die Polen und die Deutschen haben mit den Juden noch Geschäfte gemacht obwohl das Getto schon abgeschlossen war. Ich weiß, daß Juden das Getto nur mit einem Passierschein verlassen durften. Dies war der fall, wenn sie zur Arbeit gingen. Was es mit Juden gab, die das Getto unbefugt verlassen haben, weiß ich nicht. In diesem Zusammenhang ist mir nichts von der Erschießung von Juden bekannt. Es ist zwecklos, mir darüber weitere Einzelheiten aus bishörigen Zeugenaussagen vorzuhalten. Ich kann hierzu keine Angabe machen. Ich habe auch mit den Juden noch Geschäfte im Getto gemacht in der form, daß ich ihnen Nahrungsmittel brachte und mir dies zu einem normalen Preis bezahlen ließ.
Die Aussiedlung der Juden aus Koluszki habe ich gesehen. Ich erkläre dazu, daß ich auf eine Entfernung von etwa 100 m gesehen habe, wie die Kolonne der Juden in Richtung Bahnhof getrieben wurde. Ich ging nicht näher hin, um zu vermeiden, daß die Zuschauer oder die mich bekannten Juden sagen würden, ich würde mich in dem Schauspiel des Abtransportes ergötzen. Ich habe gesehen, wie etwa 5 bis 6 Juden erschossen wurden. Dies waren alte Leute, die nicht mehr gehen konnten. Sie knieten sich hin und die Gendarme, die am Schluß gingen haben sie erschossen. Daran besteht kein Zweifel. Das habe ich gesehen. Wer von den Gendarmen geschossen hat, weiß ich nicht mehr anzugeben. Ich kann keine Namen nennen. Die Juden mußten von der bevorstehenden Aussiedlung Kenntnis erlangt haben. Eine Jüdin hat immer ihre zwei Kinder zu mir geschickt. Ich gab ihnen Nahrungsmittel. Sie sagten zwei Tage vor dem Abtransport, daß dies wohl ihr letztes Brot sei, das sie holen würden. Wer im einzelnen von der Polizei an der Aussiedlungsaktion beteiligt war, weiß ich nicht.
Ich habe noch gesehen, wie die Juden in die Güterwagen verladen wurden. Sie wurden hierbei mit Gewahrkolzen geschlagen, über weitere Tötungshandlungen vermag ich Keine Auskunft zu geben. Mir weitere Aussagen vorzuhalten, ist wirklich zwecklos.
Die Juden hatten kleine Bündel in der Hand, als sie zum Bahnhof getrieben wurden. Was sie zurücklassen mußten, wurde nachher verschenkt oder versteigert. Es wurde erzählt, daß in dem zurückgelassenen Bettzeug noch zwei tote Säuglinge gelegen hätten.
Von den Gendarmen in Koluszki erinnere ich mich nur an Gust und S c h u h m a n n. Weitere Namen sind mir nicht mehr in Erinnerung.
Ich habe mir die Lichtbildmappe in Ruhe angesechen. Der auf Bild 24 abgebildete Uniformierte kommt mir bekannt vor. Ich weiß aber nicht mehr, in welchem Zusammenhang ich mich an ihn erinnere. Mir kommen mehrere Bilder begannt vor. Ich kann aber die Namen der abgebildeten Uniformierten nicht nennen und insbesondere keine Angaben über ihre Beteiligung an der Aussiedlungsaktion in Koluszki oder an Tötungshandlungen machen.
Ich erinnere mich, das in Koluszki nach der Aussiedlung der Juden davon gesprochen wurde, sie seien nach Treblinka gebracht worden. Nähere Einzelheiten habe ich nicht erfahren. Es wurde andeutungsweise davon gesprochen, die Juden seien getötet worden. Ich wollte aber nicht daran glauben.
Ich bin wiederholt zu deutschen Behörden nach Tomaszow gekommen, wenn mein Mann keine Zeit batte. Namen von Dienststellenangehörigen kann ich nicht mehr angeben.
Mit anderen Polizeidienststellen, insbesondere der Gestapo, hatte ich nie etwas zu tun.
Wir hatten einen Juden, der bei uns arbeiten durfte. Ich hatte eine Bescheinigung von Tomaszow, daß uns ein Jude zur Arbeitsleistung zugewiesen wurde. Wer in Tomaszow diese Bescheinigung ausstellte, weiß ich nicht mehr. Ein Gendarm kam zu uns auf den Hof und wollte den Juden schlagen, mein Mann ging dazwischen und hat dies verhindert. Ich weiß genau, daß dieser Jude bis zur Aussiedlung der Juden bei uns gearbeitet hat und erst dann nicht mehr zu uns kommen durfte. Er war mit einigen weiteren Juden noch etwa 14 Tage in Koluszki im Getto. Die Deutschen haben während dieser Zeit noch kostenlos bei den jüdischen Schneidern arbeiten lassen. Was es später mit diesen Juden gab, weiß ich nich
Weitere Angaben kann ich nicht machen.
Geschlossen:
Vorgelesen, genehmigt und unterschrieben
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